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                               Die „Beat-nicks“

50 Jahre Rock’n Roll im Landkreis Helmstedt

- Erinnerungen von Bernd Giere-

Wir schreiben das Jahr 1960. Der wirtschaftliche Aufschwung ist in vollem Gange. Die ersten Fernsehgeräte werden auf Raten gekauft. Architektur und Mode gehen eigene Wege. Form und Funktion bestimmen den Alltag: Nierentische, Cocktailsessel, Petticoat und Bikini erfreuen sich großer Beliebtheit. Man macht wieder Urlaub, fährt mit der Isetta über die Alpen nach Italien. Die technische Entwicklung schreitet schnell voran und macht auch vor dem Weltall nicht halt. Die Sowjetunion hat vor drei Jahren den ersten Satelliten, den Sputnik, ins All geschickt.

Der kalte Krieg zwischen den Weltmächten wird am Nadelöhr Helmstedt zunehmend spürbarer. Hier und in Schöningen, Heidwinkel, Langeleben und Bahrdorf sind alliierte Soldaten stationiert. Die Bevölkerung hat sich mit ihnen arrangiert. Freundschaften mit den Soldaten entstehen, Ehen werden geschlossen, Lokale werden zum Treffpunkt der deutschen Bevölkerung und der Alliierten.

In der Musik gibt es rasante Veränderungen. In England und den USA hat sich aus dem Blues eine neue Stilrichtung entwickelt. Der Rock’n Roll wird Ausdruck einer bisher unbekannten Freiheit, die es erlaubt, anders zu sein. Tanzbewegungen lösen sich vom verklemmten Führen der Partnerin. Der Rhythmus wird knackiger und schneller. Neue Stars und Gruppen erscheinen am musikalischen Himmel und etablieren sich. Kreischende Fans erschrecken die ältere Generation, von „Affenmusik“ ist die Rede. Davon unbeirrt hält diese neue Musik auch in Deutschland Einzug. Elvis Presley, Chuck Berry, Buddy Holly, Paul Anka, Little Richard und viele andere sind die neuen Idole der Jugend. Peter Kraus und Ted Herold versuchen es ihnen mit deutschen Versionen gleichzutun. Die Beatles und die Rolling Stones erlangen Weltruhm und Titel wie „Yesterday“, „Imagine“ und „Satisfaction“ werden Spitzenreiter in den Jahrhundertcharts. Unzählige Musikgruppen entstehen in den Städten und spielen deren Titel, die noch heute Welthits und inzwischen unbestritten Evergreens sind.

 Die „Beat-nicks“ 1960: Otto König, Hermann Koeppe  und Bernd Giere.

Auch in Helmstedt, der kleinen Stadt am Zonenrand, bildeten sich kleine Gruppen von begeisterten Jugendlichen, die diesen Rock’n Roll nachspielen wollten. Auch mich hatte es erwischt. Ich besuchte damals das Julianum an der Wilhelmstraße und gründete zusammen mit meinem Mitschüler Otto König die „Beat-nicks“. Wir liehen uns zwei alte Gitarren und lernten Harmonien, die wir uns bei anderen Musikern abschauten. Wir organisierten uns ein Mikrofon und entdeckten, dass man das Radio auch als Verstärker benutzen kann. Unsere verschreckten Eltern wiesen immer wieder darauf hin, die Lautstärke zu drosseln. Nachbarn hätten gestört werden können! Davon wenig beeindruckt, übten wir regelmäßig und fanden bei unseren Mitschülern großen Anklang. Bei kleinen Darbietungen auf der Liegewiese im Freibad Birkerteich scharten sich gleich viele Jugendliche um uns. Hoch motiviert verdienten wir uns in den Ferien Geld und kauften Instrumente und eine kleine Musikanlage. Hermann Koeppe, der Sohn des Försters vom Kastanienweg, schloss sich als dritter begeisterter Gitarrist den „Beat-nicks“ an.

  Die „Beat-nicks“ 1963 in der Florida: Manfred Schäfer, Rüdiger Kasten, Hermann Koeppe und Bernd Giere

Ein Zufall bescherte unserer kleinen Gruppe den ersten öffentlichen Auftritt. Pfingsten 1962 – es war wieder Schützenfest auf der Masch. Neben Belustigungen an den zahlreichen Jahrmarktbuden fand am Sonntag der traditionelle Tanztee im Schützenhaus statt. Eine Helmstedter Musikcombo, vielleicht war es die Kapelle Wolf, besetzt mit Schlagzeug, Klavier und Geige spielte zum Tanz auf und erlaubte, dass die „Beat-nicks“ eine Einlage geben durften. Nun konnten wir zeigen, was wir in so vielen Übungsstunden gelernt hatten. Peter Gunn von Duane Eddy hieß das erste Stück. Das Publikum war überrascht und ein wenig erschrocken, konnte man doch gar nicht so richtig wie gewohnt danach tanzen. Die ersten jugendlichen Fans machten es ihnen an der Bühne aber vor. Nach einer halben Stunde erklangen dann wieder Operettenmelodien.

Für uns war mit diesem Auftritt der Bann gebrochen. Wir hatten die knisternde Spannung auf den Brettern, die die Welt bedeuten, gespürt und wollten nun mehr Ruhm erringen. Die Ereignisse überschlugen sich. Für Otto König kam der charismatische Sänger, Gitarrist und Mitschüler Rüdiger Kasten zu unserer Band. Kurze Zeit später gesellte sich der erfahrene Musiker Manfred Schäfer dazu. Er spielte gleich drei Instrumente: Schlagzeug, Vibraphon und Saxophon. In dieser Zusammensetzung verbesserte sich der musikalische Ausdruck der Band um ein Vielfaches. Es folgten Auftritte in der Florida-Bar an der Kornstraße und beim Jugendtanztee im wunderschönen Saal des Beireishauses – leider bereits vor Jahrzehnten abgerissen - und im Deutschen Haus in Königslutter. Private Kontakte zu den in Helmstedt stationierten amerikanischen Soldaten führten zu einem regelmäßigen Engagement in der ‚Billitz’, so hieß die Bar an der Walbecker Straße, die nur von den GI’s und geladenen Gästen besucht werden durfte. Auch die Soldaten der anderen amerikanischen Stützpunkte, Grasleben-Heidwinkel und Schöningen, luden uns regelmäßig ein. Hier lernten wir den Genuss eines Hamburgers kennen, einer gebratenen Rinderhackscheibe zusammen mit Salat, Tomaten, Mayonnaise und Ketchup - zwischen zwei Milchbrötchenhälften gepresst. Auch Whisky tranken wir hier zum ersten Mal. Die große, weite Welt schien sich aufzutun. Aus den Nachbarorten kamen Anfragen für Auftritte, die örtliche Presse interessierte sich für uns, wir verdienten eigenes Geld, durch unsere Musik. Wir erfuhren Anerkennung auf vielen Ebenen. Nur in der Schule blieb uns das versagt. Der Direktor bat mich zu einem persönlichen Gespräch in sein Zimmer. Da ich nicht zu den besten Schülern gehörte, teilte er mir mit: „Wenn Sie wollen, dass wir etwas für Sie tun, dann hören Sie mit den öffentlichen Auftritten Ihrer Band auf!“

Auf der Abiturfeier eines vor uns liegenden Jahrgangs im Quellenhof ermunterte uns der Kapellmeister Ernst Hauser zu einer kleinen Einlage. Hier sprach derselbe Direktor Rüdiger an: „Kasten, merken Sie nicht, dass Sie das gesellschaftliche Ereignis stören?“ Wie gerne hätten wir einmal in unserer Aula für die gesamte Schülerschaft ein kleines Konzert gegeben. Heute wäre so etwas eine Selbstverständlichkeit, damals war es leider unvorstellbar.

Wir hörten natürlich nicht mit den öffentlichen Auftritten auf, im Gegenteil - wir bereisten in zunehmendem Maße sehr viele Orte des Landkreises Helmstedt: Königslutter, Schöningen, Vorsfelde, Süpplingen, Wolsdorf, Ahnebeck, Grafhorst, Rühen, Velpke, Meinkot, Grasleben, Bornum, Uhry und Rieseberg. Überregional hatten wir Auftritte in Göttingen, Braunschweig, Hannover, Wolfsburg, Gifhorn und Bremen. Jedes Wochenende war ausgebucht.

Noch einmal gab es 1964-1966 für die „Beat-nicks“ personelle Umstellungen: Für Hermann, der zur Bundeswehr ging, kam sein Bruder Willi Koeppe, Michael-Jürgen Gatza – genannt Fiffi – ersetzte Manfred Schäfer, Diethard Schulz spielte Keyboard und Rainer Trapold verbesserte unseren Sound mit seinem Saxophon. Diese Sextettbesetzung hält bis heute.

 Die „Beat-nicks“ 2002: Willi Koeppe, Fiffi Gatza, Rüdiger Kasten, Rainer Trapold, Bernd Giere und Diethard Schulz

In den 60er Jahren gab es viele deutsche und englische Bands, die ihr Glück in der Musikszene suchten. Sie tingelten von Stadt zu Stadt, einige hatten schon Schallplatten produziert und waren über Funk und Fernsehen bekannt. Da ihre Auftritte in der Regel nur eine Stunde dauerten, wurden wir oftmals als Vorgruppe engagiert. So lernten wir u.a. die Rattles, die Lords, die Liverbirds und Rene Kollo, der damals noch den Schlagerhimmel erobern wollte, kennen. Es waren jedes Mal sehr interessante, freundschaftliche Begegnungen.

In einem Anflug von jugendlichem Größenwahn hatten wir die Vorstellung, ähnlich erfolgreich sein zu können. Wir mieteten ein Aufnahmestudio in Hannover und ließen unsere erste Schallplatte mit vier von Rüdiger komponierten Stücken pressen. Unserer Euphorie wurde jedoch ein jähes Ende bereitet. Die Fans rissen uns die Platten zwar aus den Händen, aber keine Radio- oder Fernsehstation, geschweige denn eine Plattenfirma wollte etwas von uns wissen. Wir spürten nun die raue Wirklichkeit im Musikgeschäft. Nach einigen Wochen der Enttäuschung besannen wir uns wieder auf unsere regionale Beliebtheit. Wir wurden Hausband im „Hawaii“ an der Magdeburger Straße. Vorbesitzer nannten dieses Lokal „Regina-Bar“ und „Telstar“. Die Wände waren dunkel gestrichen, Schwarzlicht hob die darauf gemalten, spärlich bekleideten Damen hervor, und auch unsere weißen Nyltesthemden leuchteten in strahlendem Blau. Jedes Wochenende gab es hier Lifemusik mit regionalen und internationalen Gruppen. Die „Beat-nicks“ traten regelmäßig auf und wurden beliebteste Rock’n Roll-Band in Helmstedt. Ähnliche Entwicklungen gab es auch in den Nachbarstädten. In Schöningen waren die Sharks die Lokalmatadore im Beat-Club an der Wilhelmstraße, in Königslutter waren es die Fog-Crows im Amtsgericht an der Marktstraße, in Salzgitter die Hawkids und in Wolfsburg die Ace. Gemeinsame Auftritte dieser beliebten Bands lockten immer wieder zahlreiche Fans an, und jeder war von der Qualität seiner Gruppe überzeugt. Bei Meinungsverschiedenheiten wurden auch schon mal ‚schlagkräftige’ Argumente ausgetauscht.

 "Beat-nicks“ 1966 im Hawaii: Diethard Schulz, Rüdiger Kasten, Fiffi Gatza, Willi Koeppe und Bernd Giere.

Im Dezember 1969 organisierte die Braunschweiger Zeitung ein großes Beatfestival im Helmstedter Brunnentheater, an dem wir uns zusammen mit anderen Gruppen aus der Region beteiligten. Knut Kiesewetter moderierte und das Fernsehen war anwesend. Der 1.Platz setzte einen würdigen Punkt hinter die zehnjährige aktive Musikerzeit der „Beat-nicks“. Alle Bandmitglieder und auch viele Fans hatten ihre Schul- und Studienzeit beendet. Familien wurden gegründet und der Beruf rief viele weit weg von Helmstedt. 1970 gab es noch ein Abschiedskonzert an dem Ort, wo alles begonnen hatte – im Schützenhaus in Helmstedt.

Damit war die Geschichte der „Beat-nicks“ aber nicht beendet. Es ergab sich, dass immer um die Weihnachtszeit die Eltern und Verwandten besucht wurden. Was lag da näher, als für ein paar Stunden wieder zusammenzukommen. Schon 1973 trafen sich die ersten „Beat-nicks“ mit einigen Fans zum Wiedersehen bei Albert Pelull in der Sportklause an der Leuckartstraße. Ein Jahr später waren zwei Gitarren dabei und unplugged sangen alle ihre geliebten Hits aus den 60er Jahren. Schon im nächsten Jahr – alle Bandmitglieder waren anwesend - musste der Wirt um 22 Uhr sein Lokal abschließen, weil es überfüllt war. Der Wunsch nach einer jährlichen Wiedersehensfeier war so groß, dass wir beschlossen, uns von nun an immer am 2. Weihnachtstag zu einem Auftritt in Helmstedt zu treffen.

In den ersten Jahren spielten wir mit großer Anlage in der Kantine des Kleingartenvereins am Weinberg. Aber auch hier reichte der Platz bald nicht mehr aus und wir wechselten 1980 endgültig in unser altes Domizil - dem Schützenhaus an der Masch. Zur Belohnung für ihre Treue bekamen die Fans in den nächsten drei Jahren jeweils eine Schallplatte ihrer „Beat-nicks“. Die Auflage von 1000 Stück war immer rasch vergriffen. 1985 gab es die höchste Besucherzahl. 1400 Personen brachten den Saal und die Toilettenanlage an den Rand ihrer Kapazität. Zum Glück pendelte sich die Zahl der Fans dann bei etwa 900 ein. Einen größeren Saal hätte es in Helmstedt auch nicht gegeben.

Diese jährlichen Weihnachtstreffen fanden dann jedes Jahr bis heute statt. Die Fans brachten ihre Kinder und manchmal auch schon die Enkel mit. Allen waren zwei Dinge wichtig: Sie wollten sich wieder sehen und dabei ihre geliebte Musik der 60er Jahre – Rock’n Roll, Blues, Beat und Soul - hören. Alte Bilder aus dem gesamten Landkreis Helmstedt und die DVD „Zwischen Florida und Hawaii“, mit einem Beamer für alle sichtbar gemacht, unterstützten das Ziel, die geliebte Jugendzeit für ein paar Stunden in Erinnerung zu rufen.

Die „Beat-nicks“ haben am 26. Dezember 2009 nach 50 Jahren aktiver Hobby-Musikerzeit ihren letzten öffentlichen Auftritt im Schützenhaus gehabt. Danach wird es wie am Anfang der 70er Jahre nur noch lockere Wiedersehenstreffen im Rahmen des Vereins "Beat-nicks e.V." Pfingstsamstag im Waldwinkel bei Carla Jahnke gegenüber vom Freibad geben, zu denen jeder kommen und bei Musik und alten Bildern in Erinnerungen schwelgen kann.

Ich bin nach dieser langen „Beat-nicks“ - Zeit von tiefer Dankbarkeit erfüllt, andere Menschen mit Musik glücklich gemacht, Freunde gefunden, die Verbundenheit und Treue der Fans gespürt zu haben - und Dankbarkeit nicht zuletzt gegenüber den Bandmitglieder, mit denen ich so viele schöne Situationen und musikalische Highlights erleben durfte!